Digital ist besser. Oder was?

Digital ist besser, sagt Herr von Lotzow. D’accord, die Menschentreffgenauigkeit kann auch wunderbar maximiert werden. LETZTE FAHRT MIT MARILYN für den Kindle ließ mir dann aber doch keine Ruhe. Digital, digital, digital. Ja, nein. Schwarz, weiß. Nähe, Distanz, das blöde Yin, das dämliche Yang. Hin und her und Eins und Null (im Übrigen für lange der Arbeitstitel von MARILYN. Zufall? Ja, genau.). Klare Geschichte eigentlich, trennscharf und schnörkellos sortierend. Gehst du nach links, oder gehst du nach rechts? Geradeaus stehen nur Büsche zum Verheddern, und von hinten kommen die Hunde, die dich gerne beißen möchten. Also, keine Frage nach einem Ob, sondern einzig nach dem Wie. Digital. Ein- und ausatmen geht nicht gleichzeitig, es ganz bleiben lassen auch nicht dauerhaft. Nahrung rein, Scheiße raus, bitte nicht verwechseln! Macht alles Sinn, kein Problem damit. Und wenns trotzdem mal kurz klemmt? Kein Tack nach dem Tick, die Maschine spackt, es kommt zum Auffahrunfall? Digital gesehen wahrscheinlich herzlich undramatisch, analog gäbe es verbogenes Blech und zerdengelte Knochen. So what?

Der Abend funzelt ins Zimmer, ich habe es natürlich wieder so lange wie möglich vor mir hergeschoben. Hausaufgabenzeit ist sicherlich nicht jetzt, der nächste Eintrag ins goldene Buch aber sicher. Wenn ich so weitermache, bleibe ich hier für immer sitzen. Zeit kommt, Zeit geht, nur ich bleibe, wie fein. Wie armselig.

Promillerechnung, das läuft. Wenn die sprachlichen Stärken enden, zieht man sich halt auf anderes zurück. Kippe an, am Feuer ist es abends sicherer, es lässt sich nie sagen, was da so lauert und auf den unbedachten Moment wartet. Um zuzuschlagen und einen in die Dunkelheit davon zu schleifen. Wachsam sein, dann ist das bisschen Angst nur noch halb so viel wert.

Zahlen und Fakten. Fakten und Zahlen. Alles Müll, wen interessiert da eigentlich was? Ich kann es nicht mehr sehen. Und ob ich da überhaupt den richtigen Lösungsweg einschlage, Scheiße, woher soll ich das denn wissen? Wissen. Macht. Ha!, glaube ich nicht. Also nochmal von vorne. Was ist, wenn ich zu dem und dem das und das und das und dich und dich und dich dazu rechne? Dann ists gut, genau, dachte ich mir doch, prost. Vermutlich zu früh zum Feiern, denn der Weg ist zwar schön, aber wohin er führt noch völlig unklar. Definitionsbereich, du Spaten! Was bildest du dir eigentlich ein? Was? Bildest? Du? Dir? Ein? Als wenn sich plötzlich, so mir nichts, dir nichts, eine Regel gefunden hätte, etwas, was exemplarisch, wenn nicht gar verbindlich, mathematisch, korrekt, berechenbar für alle und jeden und jedes und alles wäre! Lächerlich. Armselig!

Dieses Abzählen macht mich fix und fertig, ich versuche es einfach noch einmal. Sprenge die Rechenkästchen. Die Kästchen. Die Schubladen und all diese beschissenen Zuordnungen, Ableitungen und Formeln, die allen gelingen und für alle gelten. Nur für mich nicht. Hallo? Heisenberg? Werner? Du blöde Sau? Ich liebe, und ich hasse dich. Du erklärst so manches und verschweigst so vieles. Wenn man es das erste Mal, das allererste Mal!, hört, sieht, meint zu verstehen – oh, es ist so wunderbar! So warm und weich, und es richtig gut, ein wenig parfümig, zu parfümig, ein bisschen verschwitzt und gehetzt und unglaublich leicht vorbei und all das. Man darf nicht richtig hinschauen, es nur für wahrscheinlich, tatsächlich aber lieber für unglaublich und nicht möglich halten. Denn sonst, sonst, ist es nur eine Größe, eine Nummer, eine beschissene kleinkarierte, umkurvte, eingekästelte Kackzahl. Mir doch egal, ob rational oder irrational! Rational, irrational, scheißegal! Definier das! Definiers, und hilf mir, denn ich komme nicht einen Schritt weiter. Drei Sätze angeblich. Hauptschule, noch vor den Praktika. Und hochnäsig geht die Welt zugrunde, denn das alles ist nicht kalkulierbar, sondern zumeist nur Milchmädchenrechnung.

Versuch, der x-te: für alle Ichs von Anbeginn an bis immer gilt, dass du und du und du, einmal so, einmal so, und dann und dann und dann – jetzt fängt die Unberechenbarkeit an! Scheißfunktion, genau da beginns, wo Pi am Ende ist! Ich muss nach x auflösen! Ich muss nach x auflösen! Ich muss nach x auflösen!

Und kann es wie immer nicht. Sitze hier in meiner Definitionslücke, hänge wie ein Schluck in der Kurve, wie eine arme rotierende Wurst im n-dimensionalen Raum, ein blödsinniger Rand der Matrix. Und weil es noch nicht genug ist, schreit mich das Telefon an. Kein Anruf, nur eine Nachricht. Zahlen zu Zeichen, und bei 165 ist dann auch Schluss. Oder vorher.

Was schreibst du? Dass es dir gut geht? Irgendetwas von hin und weg? Einer shotgun wedding? So glücklich kannst du darüber eigentlich nicht sein, als ich die paar Zeilen und Zeichen lösche, denke ich, dass nicht nur ich manchmal Begriffe und Zusammenhänge durcheinander bringe.

Glücklich. Das ist gut.

Prost darauf, meine Liebe! 4,9% ist die maximale Beschleunigung, die ich hinbekomme. Getadelt, gerade noch ausreichend, nie befriedigend und niemals gut. Definitiv. Aber mehr wird es nicht, die Grenze des Exponentiellen ist erreicht, alles über das hinaus verlässt den Rahmen des Möglichen. Hier ist mein Platz, hier gehöre ich hin, wie ich eben bin. Bin gefunden, bin beschrieben, bin in Funktion. Und wenns so sein soll, verzweifle ich und werde Bruch. Fühlt euch frei zu kürzen, ein bisschen was geht immer. Ich bin das x, und alles löst sich nicht dahin, sondern alles löst sich auf. Strich drunter. Ausdruck. Fertig. Setzen. Sechs.“

Basis: „Funktion“ von PARANOYA. Bestes, Hendrik.

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